Die Beschäftigung mit dem Puppentheater in den Staaten der ehemaligen Sowjetunion bzw. ihrer Einflusssphäre öffnet einen Blick auf vielfältige Theatertraditionen, ästhetische Entwicklungen und gesellschaftliche Bedingungen, die bislang eher selten im Fokus der deutschsprachigen Fachöffentlichkeit stehen. Die Fachzeitschrift „Das andere Theater“ möchte den Austausch über alle Grenzen hinweg fördern und unterschiedliche Perspektiven auf die Geschichte und Gegenwart des Figurentheaters sichtbar machen. Die vorliegende, sich stetig erweiternde Materialsammlung bündelt Beiträge und Dokumente, die die Grundlage für die nächste Ausgabe des DaT bilden.
Beitragsvorschläge sind herzlich willkommen. Bitte eine Mail an Albert Kümmel-Schnur (albert.kuemmel@gmx.de) schicken.
"Der Begriff „Osteuropa“ suggeriert eine klare geografische Unterteilung Europas, doch ist er vor allem eines: ein politisches Konstrukt. Der Begriff ist trotz oder wegen seiner vielen Facetten wirkmächtig; seine Bedeutung changiert je nach Standort und Kontext. Jede Verwendung des Begriffs zieht Grenzen – geografisch, aber vor allem auf der politischen und mentalen Landkarte. Die geografischen und mentalen Grenzen sind hierbei selten deckungsgleich."
Gwendolyn Sasse in: "Osteuropa - aber wo liegt es?"
Miriam Finkelstein ist Professorin für Slavische Literaturen und Allgemeine Literaturwissenschaft an der Universität Konstanz
Ich spreche lieber vom 'östlichen Europa', da es aus meiner Sicht kein 'Osteuropa' gibt, weder als eine geographische, noch als eine politische, sprachliche oder kulturelle Entität. Der Begriff 'Osteuropa', genauso wie sein Pendant 'Westeuropa', impliziert für mich eine Homogentät, die es aber nicht gibt.
Siehe oben
Diese Frage läßt sich nur schwer beantworten, denn nach dem Fall des Eisernen Vorhangs existieren Grenzen zwischen Ost und West vor allem in den Köpfen. In vielen Ländern des östlichen Europas selbst ist der Begriff 'Osteuropa' zumeist negativ besetzt, kaum jemand möchte in oder aus 'Osteuropa' sein; in Polen, Slowakei, Tschechien, Ungarn sowie in anderen Ländern ist zum Beispiel die Selbstbezeichnung als Mittel- oder Ostmitteleuropäer:innen bzw. auch schlicht als Europäer:innen geläufig.
Ich lasse diese Frage aus. Ich weiss nicht wirklich, wie ich sie gut und v.a. kurz beantworten soll...
In allen Ländern des östlichen Europas gibt es faszinierende, sehr vielfältige Kulturen und sehr lebendige Kulturszenen, sei es auf dem Bereich der bildenden Kunst, des Films oder der Musik. Zum Glück wird auch die Literatur aus den jeweiligen Sprachen viel ins Deutsche übersetzt. Es lohnt sich immer reinzulesen, reinzuschauen und reinzuhören. Ein kleiner Tipp: für ein erstes Kennenlernen und einen niedrigschwelligen Einstieg empfehle ich die Plattform https://ostraum.com/.
Ich denke daran, wie schade es ist, dass die vielen Traditionen und Kulturen des Puppentheaters hierzulande nur wenig bekannt sind und freue mich darauf, mehr über sie zu erfahren!
Dr. Renata von Maydell ist Slavistin, lebt und arbeitet in Heidelberg, u.a. zu Gewalt in Russland unter dem Arbeitstitel "Gesten der Selbstbehauptung - Die russische Faust"
Vorwiegend verwende ich den Begriff in Zusammenhängen, in denen er vorgegeben ist, ich habe an Instituten für "Osteuropäische Geschichte" studiert und gearbeitet, bin Mitglied in der "Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde" usw. Ansonsten verwende ich ihn eher nicht, weil er zu viel unterschiedliches bedeuten kann.
Es ist ein Begriff, der wohl eher von Außen als von Innen verwendet wird. Wer will schon Osteuropäer sein? Darüber dass der Begriff ein Konstrukt ist, das man vielleicht sogar mit so einem Konstrukt wie dem "Orient" oder dem "Balkan" vergleichen kann, ist schon geschrieben worden. In meiner Wahrnehmung steht das Konstruierte im Vordergrund, das sich sowohl auf der diachronen Achse änderte und ändert - man denke nur an das Problem, die Osteuropaforschung nach dem Zweiten Weltkrieg von der völkisch aufgefassten Ostforschung lösen zu müssen, als auch auf der synchronen - geographische, politische, kulturelle Standpunkte können immer neue Einteilungen zutage fördern.
Theoretisch müsste Osteuropa östlich des Mittelpunktes von Europa liegen. Aber auch über diesen Mittelpunkt gibt es sehr unterschiedliche Meinungen. Neben vielen anderen Kandidaten wurde 1989 der geographische Mittelpunkt Europas einem Dorf etwas nördlich von Vilnius zugesprochen. Zu dieser Zeit ging es viel um das "gemeinsame europäische Haus", in dem unter einem gemeinsamen Dach durchaus Zimmer östlich von Vilnius eingeplant waren. Das sieht jetzt leider anders aus und macht deutlich, wie unterschiedlich die Einteilungen sein können.
Die zwei ersten Antworten machen es mir schwer, diese Frage zu beantworten. Bzw. würde ich auch hier gerne auf das Mental Mapping verweisen - jede und jeder ordnet die Himmelsrichtungen ausgehend von dem eigenen geographischen und weltanschaulichen Standpunkt. Aber natürlich gibt es pragmatische Lösungen, danach wird hier Russland, die Ukraine, Polen, Tschechien, die Slowakei, Ungarn, das Baltikum, Belarus, die Republik Moldau und die südosteuropäischen Länder (Rumänien, Bulgarien, Slowenien, Kroatien, Serbien, Bosnien und Herzegowina, Montenegro, Nordmazedonien, Albanien, Kosovo) genannt. Länder des Kaukasus und vielleicht sogar zentralasiatische würde ich in dem Zusammenhang sehen und evtl. hinzunehmen.
Als Russistin wünsche ich mir eine Welt, in der Russland ein Bestandteil Europas sein kann, ohne Kriege, mit offenen Grenzen, einem regen Austausch der Menschen und Kulturen, dem Erstarken demokratischer Strukturen. Es gibt viele Menschen in Russland, die das ebenfalls wünschen, aber seit einigen Jahren und teilweise schon Jahrzehnten geht die offizielle und nicht nur offizielle Entwicklung leider in die entgegengesetzte Richtung.
Die Frage ist mir zu allgemein, weil in unterschiedlichen Regionen und unterschiedlichen Bereichen unterschiedliche Entwicklungen geschehen, vergleichbar mit der Situation in Deutschland und auch anders als die Situation in Deutschland. Da mag ich nur allgemein antworten, dass ich die Situation der Kultur immer und überall für wichtig halte.
Auch hier erst einmal eine russistische Assoziation, das Theater von Obrazcov in Moskau mit Inszenierungen klassischer, aber auch experimenteller Stücke. Auch andere "osteuropäische" Bühnen scheinen häufig unterschiedliche Ebenen abzudecken, eine hohe Professionalität und Orientierung an klassischen Stücken und Themen, aber zugleich Experimente, zur Pupentheaterkunst oder auch ins Politische. Prag fällt mir dazu ein und das polnische Puppentheater und - da ich gerade in Litauen war - ein Puppentheater auf einem Pferdefuhrwerk.
Sophiko Zviadadze ist Professorin für Religious Studies an der Ilja State University, Tblissi, Georgien
In diesem Zusammenhang würde ich zusätzlich fragen, wer über Europa spricht und in welchem Sinne. Wer zieht die politischen, geografischen und kulturellen Grenzen Europas? Wenn wir diese Frage einem Engländer stellen und er sagt, dass Großbritannien etwas anderes sei als Europa, bleibt er dadurch nicht außerhalb der „europäischen Zivilisation“. Während die Zugehörigkeit zu Europa für Georgien sehr viel mehr bedeutet. Sie ist eine Quelle der Anerkennung und Bestätigung der eigenen Vergangenheit, Kultur und heutigen politischen Orientierung. Wenn wir Europa als Idee, als kulturellen und geistigen Raum betrachten, ist Georgien eindeutig ein Teil davon. Wie Rémi Brague sagt, kann Europa in diesem Sinne über seine geografischen Grenzen hinausgehen. Mehr noch, Georgien stellt mit seiner alten christlichen Kultur eine der Grundlagen der heutigen Idee Europas dar. Aufgrund seiner geografischen Lage war Georgien historisch ein Ort des Zusammentreffens verschiedener Kulturen (der griechischen, byzantinischen, persischen und anderer). Auf dieser Grundlage eine eigene Kultur zu schaffen, ist gerade auch ein europäisches Phänomen. Um diese Vielschichtigkeit zum Ausdruck zu bringen, wird in Georgien heute eher der Begriff „georgisch“ verwendet als die Vorstellung, zwischen Europa und Asien zu stehen. Letztere ist heute politisch aufgeladen. Die Vorstellung eines kulturellen Kreuzungspunktes, keiner Seite vollständig anzugehören, enthält sowohl in der sowjetischen Historiografie als auch in der postsowjetischen Zeit kontroverse politische Bestrebungen. Was Osteuropa betrifft: Wenn wir es soziologisch betrachten, als einen Raum, der postsowjetische Länder mit einer gemeinsamen Erfahrung systemischer Transformation umfasst, gehört auch Georgien zu diesem Raum, selbstverständlich mit seinen eigenen Besonderheiten der Entwicklung.
Georgien durchläuft seit seiner Unabhängigkeit eine der schwierigsten politischen Zeiten. Nach der Rosenrevolution (2003) fand im Land, trotz Herausforderungen und Fehlern, ein Prozess der Demokratisierung und der europäischen Integration statt. Dies war auch in den ersten Jahren nach dem Systemwechsel von 2012 der Fall. Seit 2024 gibt es im Land anhaltende gesellschaftliche Proteste, die auf die Entscheidung des Premierministers folgten, die Verhandlungen über die Integration in die Europäische Union bis 2028 zu verschieben. Diese Entscheidung wurde als eine Veränderung des außenpolitischen Kurses Georgiens und als eine Gefährdung der Zukunft des Landes wahrgenommen. Denn ein Verzicht auf die europäische Integration bedeutet, dass man unter dem Einfluss der russischen Geopolitik bleibt. Durch die Einführung einer repressiven Politik gegenüber den innerstaatlichen Protesten einerseits und die globale Anpassung populistischer und autoritärer Regierungsformen andererseits hat sich die politische Situation in Georgien radikal verändert. Die Regierungsform und die Gesetzesinitiativen fügen der ohnehin fragilen demokratischen Ordnung in Georgien zunehmend Schaden zu.
Der Kunstbereich war der erste, der von dem bestehenden Regime getroffen wurde. Repressionen und Zensur in den Kunstinstitutionen waren die ersten Signale dafür, dass sich im Land etwas in eine schlechte Richtung entwickelte. Bei einer staatlich finanzierten Ausstellung schrieb ein junger Künstler mit einem Marker einen Satz an die Wand, der zunächst zu einem Slogan der Kunstszene und später auch des breiteren Protests wurde: „Die Kunst ist unabhängig und lebendig.“
Später, als sich die politische Krise weiter verschärfte und der öffentliche Protest begann, gehörte ein bedeutender Teil der Kunst- und Literaturszene erneut zu den Ersten, die die Zusammenarbeit mit der Regierung verweigerten. Der Alltag von Schauspielern, Regisseuren und Schriftstellern hat sich völlig verändert; einige von ihnen sitzen wegen der Teilnahme an friedlichen Protesten im Gefängnis. Wie mir ein Regisseur sagte, “ist meine Aufgabe, meine Bühne jetzt auf der Rustaweli-Allee [wo der anhaltende Protest stattfindet].”
In Georgien gab es über Jahrhunderte hinweg Puppenspiele, die Teil volkstümlicher Darbietungen und der Ritualen waren. Im späten Mittelalter verbreitete sich in Tiflis das sogenannte Karagöz-Theater (türkisches Schattentheater).
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war das Figurenentheater „Zelt der Königinnen“ bekannt. Im traditionellen Sinne existiert das Figurentheater (als auch Puppentheater genannt) in Georgien seit 1934. Heute werden dieses und andere städtische Puppentheater kommunal finanziert. Das bedeutet, dass sie über eine begrenzte Finanzierung verfügen. Die Theater waren seit ihrer Gründung in alten und schönen Gebäuden untergebracht, und einige von ihnen arbeiten bis heute dort. Heute ist diese attraktive Umgebung zu einer Herausforderung für die Theater geworden: Langwierige Renovierungen behindern den Betrieb (zum Beispiel in Kutaissi), während im Fall von Tiflis das Theatergebäude aufgrund der Sanierung einer bestimmten Straße abgerissen wurde. Trotz der begrenzten Ressourcen bleibt das Puppentheater in Georgien ein Anziehungspunkt für Kinder und Jugendliche, was der Arbeit, dem Enthusiasmus und der Liebe zum Beruf der Ensembles zu verdanken ist.
In Georgien wie auch international nimmt das Marionettentheater von Rezo Gabriadse aufgrund seiner einzigartigen Form, seines Inhalts und seiner besonderen Dimension eine herausragende Stellung ein. Dieses Theater zeigt die magische Kraft von Performance und Spiel. Wie der Regisseur einam gesagt hat, steht in dem Stück alles mit seiner Heimatstadt Kutaissi in Verbindung, mit seiner Kindheit, mit den „magischen 10 Quadratmetern“, auf denen er spielte und deren Grenzen er in seiner Vorstellung überschritt. Seine persönlichen und intensiven Eindrücke, geprägt von den feinen Nuancen Kutaissis und des georgischen Charakters, berühren letztlich universelle Themen. Die Theaterstücke sind die kosmopolitischste Werke, die je in Georgien geschaffen wurden. Es berührt Menschen in Europa, Asien und Amerika – so wie es bei wahrer Kunst der Fall ist.
9.-17.Oktober 2026
Von Freitag, 9.Oktober bis Samstag, 17. Oktober besuchte ich als Jurorin das Internationale Festival "Puppet is a Human, too" in Warschau. Anläßlich des Festival-Jubiläums führte ich ein Interview mit einem der Initiatoren des Festivals, Marek Zurawski.
Ruth Brockhausen:
Marek Chodaczinsky und Du, Marek Żurawski, ihr seid die Organisatoren und Urheber dieses Festivals, das in diesem Jahr sein großes Jubiläum feiert. Es ist jetzt 20 Jahre alt! Herzliche Glückwünsche zu diesem Jubiläum. Ihr habt in diesen 20 Jahren eine wichtige Arbeit geleistet und einen großen Beitrag zur Puppenspielkunst gestemmt. Eigentlich aber bist Du Musiker. Wie bist du denn da zum Puppenspiel gekommen.
Marek Żurawski
Mein Interesse am Puppenspiel entstand durch die Freundschaft zu Marek Chdaczynski. Ich lernte ihn 1987 kennen, als ich im Haus der Kultur mit Kindern eine Musical-Aufführung organisierte. Marek Chodaczynski sah die Aufführung und schlug mir eine gemeinsame Arbeit zum "Drama impossible" von Lemesieur de Neville vor. Ende der neunziger Jahre gründete Marek Chodaczynski eine freie Figurentheatergruppe, nachdem er ein paar Jahre ein städtisches Puppentheater in Warschau geleitet hatte. Marek Chodaczynski war und ist fest verankert in der polnischen Puppentheaterszene und gehört noch heute zum UNIMA-Vorstand in Polen. Die Theatergruppe nannte er "die unmögliche Theaterunion" - "the impossible theatre union".
Im Juni 2000 organisierte und gab er workshops zum Puppenspiel in einer kleinen Stadt bei Danzig. Ich wurde dorthin eingeladen, um Musik zu machen. Und dabei entdeckte ich die Welt des Puppenspiels. Ich war fasziniert, was auf der Bühne mit Puppen, Schatten und Objekten alles möglich ist. Über 5 bis 6 Jahre kooperierten wir.
Ruth Brockhausen
Und wann begann dann euer Festival?
Marek Żurawski:
Das war so: Ein Mitglied der Theatergruppe organisierte ein kleines Festival in einer Kleinstadt bei Danzig. Natürlich halfen wir ihr.
Und dabei entstand der Wunsch, in Warschau ein internationales Festival durchzuführen. Damit begannen wir 2006.
Wir hatten einen Spielort in der Altstadt von Warschau. Dort waren zwei weitere go-Organisationen ansässig. Wir sprachen mit ihnen und dem Vermieter über unsere Pläne. Alle waren einverstanden und so starteten wir.
Am Anfang hatten wir keinen Kontakt zu Gruppen, die international touren. Wir kannten einen in Deutschland lebenden polnischen Puppenspieler. Er war ein Meister des Papiertheaters. Wir luden ihn und einige polnische Gruppen zu einem kleinen Festival von 5 Tagen ein. Und dieses Festival war ein Erfolg. Wir hatten eine sehr schöne Zeit mit den Künstlern, die kamen. Das Publikum besuchte begeistert die Vorstellungen und wir waren ermutigt, Geld für eine weitere Auflage des Festivals zu beantragen.
Die teilnehmenden Theatergruppen empfahlen uns Theatergruppen und Kollegen und Kolleginnen aus dem Ausland. Wir trafen uns mit anderen Festivaldirektoren, erhielten Empfehlungen von ihnen und beschlossen, Festivalpreise auszuschreiben. So fing alles an.
Am Anfang habe ich die Öffentlichkeitsarbeit gemacht, die Kartenverkäufe organisiert, das Essen und die Übernachtung für die Künstler und die Fahrdienste. Kurz - ich managte alles. Mittlerweile ist das Festival in Warschau bekannter geworden. Eine PR-Agentur bot Hilfe an, mein Sohn wurde unser Webmaster und Jahr für Jahr wuchs das Interesse an unserem Festival.
Puppenspielerinnen und Puppenspieler aus Ägypten, Weißrußland, Rußland, Deutschland, Israel und Griechenland feierten, tanzten, tranken, sagen und diskutierten miteinander. Wir hatten eine überwältigende Zeit.
Und nach 4 Jahren kündigte uns der Vermieter des Hauses in Alt-Warschau. Das war ein Einschnitt.
Ruth Brockhausen
Konnte es dann überhaupt weitergehen mit dem Festival? Wie habt ihr das geschafft?
Marek Żurawski:
Wir begannen, mit dem Theaterinstitut zusammenzuarbeiten. Je nachdem, wer dort gerade der Direktor ist, gestaltet sich die Zusammenarbeit mal mehr, mal weniger kompliziert. Aber wir arbeiten bis heute zusammen.
Wir haben auch mit dem Haus der Kultur, in dem ich gearbeitet habe, kooperiert. Wir hatten sehr kleine Räume und dementsprechend sehr kleine Vorstellungen. Dann haben wir die Zusammenarbeit mit anderen Kultureinrichtungen in Warschau begonnen und sogar mit kleinen Städten um Warschau herum. Das stellte sich allerdings als sehr schwierig heraus. Wir mussten den Transport von zu vielen Leuten organisieren. So blieben wir dabei, das Festival in Warschau stattfinden zu lassen.
Ruth Brockhausen:
Wie organisiert ihr das Festival im Moment?
Marek Żurawski:
Marek Chodaczynski beantragt Förderungen für das Festival und private Sponsoren. Er eröffnet und schließt das Festival. Ich übernehme die ganze Organisation. Ein Leben ohne Festival kann ich mir nicht vorstellen. In der Festivalzeit mache und denke ich nur an das Festival - an nichts anderes. Ich habe noch nicht einmal Zeit, mich mit meiner geliebten Musik zu beschäftigen.
Ruth Brockhausen:
Hat euer Festival einen speziellen Charakter?
Marek Żurawski:
In Polen gibt es viele Festivals, die meisten von Stadt- oder Staatstheatern organisiert. Sie haben mehr Möglichkeiten, mehr Geld, mehr Spielorte. Unser Festival, von einer Ingo betrieben, hat eine sehr viel größere familiäre Atmosphäre. Wir sind darauf angewiesen, jede Menge kreative Lösungen zu finden. Und wir sind das erste Figurentheaterfestival in Polen und das zweite in Europa, das nur Vorstellungen für Erwachsene zeigt. Mittlerweile organisiert auch das Staatstheater in Byalistok ein Figurentheaterfestival für Erwachsene.
Ruth Brockhausen:
Arbeitet ihr immer noch mit anderen Festivaldirektoren zusammen?
Marek Żurawski:
Ja, ich treffe mich regelmäßig mit Festivaldirektoren aus Ungarn, Estland, Belgien, und kooperiere mit Festivals in Polen. Zum ältesten Festival in Polen, in Thorun habe ich eine sehr enge Beziehung. Hier bin ich dieses Jahr als Koordinator eingeladen. Ich arbeite aber auch mit Festivals in Deutschland und Serbien zusammen. Dabei lerne ich sehr viel über die unterschiedlichen Situationen in den verschiedenen Ländern. Der Festivaldirektor vom Edinburgh Festival sagte zu mir: Ihr habt gut ausgebildete Studenten, die viel wissen über Puppentheatergeschichte und Figurenführung. Aber es fehlt ihnen an Imagination. Die englischen Puppenspielenden erfinden eine weite Welt der Imagination, aber ihre Technik lässt zu wünschen übrig.
Dadurch kam ich auf die Ideee, Studierende einzuladen und ihnen so zu helfen, ihre Kunst zu entwickeln. Mit anderen Festivaldirektoren kontinuierlich zusammenzuarbeiten würde auch noch mehr Möglichkeiten eröffnen.
Ich bin sehr gespannt, was wir in Zukunft entwickeln werden!
Ruth Brockhausen:
Noch eine Frage zum Schluß: Was war der spannendste oder aufregendste Moment in deiner Festival-Zeit?
Durch das Festival entstand ein sehr enger freundschaftlicher Kontakt zu einem Puppenspieler aus chile, David Zuazola. Wir kooperieren mit ihm seit mehreren Jahren. Wir haben an einigen Inszenierungen zusammengearbeitet und sind so etwas wie eine Familie geworden. Zwei unserer Inszenierungen hagengroße Preise von Festival Juries erhalten. Das war eine unglaublich schöne Erfahrung.
Und jedes Festival stellt neue Herausforderungen. Jedes Jahr fragen wir uns, ob wir genug Geld haben, um das Festival durchzuführen. Wir müssen neue Gruppen finden, ich fahre auf internationale Festivals, um neue Vorstellungen zu sehen. Und alle diese Bemühungen werden vom Publikum belohnt. Das Publikum erzählt mir, dass das Festival wirklich interessant ist und jede Menge Inspiration anbietet. Das Publikum kommt gerne und zahlreich zu unseren Vorstellungen. Die Theatergruppen bedanken sich für die Einladung. Wir diskutieren viel miteinander nach den Vorstellungen und wir reden viel über unsere Zukunftspläne.
Puppentheater ist eine Familie. Viele Leute kennen einander. Die Puppentheaterwelt ist eine wunderschöne Welt. Wenn alle mit Puppenspiel beschäftigt wären, hätten wir keinen Streit und keinen Krieg mehr in der Welt.